Der Bezirk Marzahn-Hellersdorf verzeichnet in den vergangenen Jahren einen deutlichen Anstieg der registrierten Fälle von Kindesmissbrauch. Das geht aus der Antwort der Senatsverwaltung für Justiz und Verbraucherschutz auf eine Schriftliche Anfrage des AfD-Abgeordneten Gunnar Lindemann hervor (Drucksache 19/25 475).
Polizei zählt fast fünfmal mehr Fälle als das Bezirksamt
Laut Bezirksamt waren dort 2023 insgesamt 28 Fälle aktenkundig, 2024 stieg die Zahl auf 59 Fälle, 2025 auf 62. Für das laufende Jahr 2026 liegen dem Bezirksamt noch keine Fallzahlen vor.
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Die Polizeistatistik zeichnet ein deutlich anderes, umfassenderes Bild: Demnach wurden im Polizeilichen Datenwarehouse Führungsinformation (DWH FI) für 2023 insgesamt 110 Fälle des sexuellen Missbrauchs von Kindern im Bezirk erfasst, für 2024 weitere 111 Fälle, für 2025 bereits 189 Fälle – und allein bis zum 12. März 2026 bereits 71 Fälle. In Summe sind es 481 polizeilich erfasste Vorgänge über den gesamten Zeitraum.
Ein Ermittlungskomplex treibt die Zahlen 2025 hoch
Hintergrund des starken Anstiegs im Jahr 2025 ist laut Senat ein einzelner Ermittlungskomplex: 86 der Verfahren gehen auf einen Tatverdächtigen zurück, der in Marzahn-Hellersdorf gemeldet ist und das Internet als Tatmittel eingesetzt haben soll. Als Tatort wird in diesen Fällen der Wohnort der tatverdächtigen Person erfasst.
Nur zwölf Verurteilungen bei 331 Ermittlungsverfahren
Bezogen auf die staatsanwaltschaftliche Bearbeitung zeigt eine Auswertung des Standardauswertungsprogramms der Staatsanwaltschaft Berlin, dass den 481 polizeilichen Vorgängen insgesamt 331 Ermittlungsverfahren zugeordnet werden konnten – 83 im Jahr 2023, 118 im Jahr 2024, 104 im Jahr 2025 und 26 im bisherigen Jahr 2026. Der Senat weist darauf hin, dass ein direkter Vergleich zwischen polizeilichen Fallzahlen und staatsanwaltschaftlichen Verfahren nur begrenzt möglich ist, da häufig mehrere polizeiliche Vorgänge in einem Ermittlungsverfahren zusammengefasst werden. Von den bislang abgeschlossenen Verfahren endeten zwölf mit einer Verurteilung – darunter Freiheits- und Geldstrafen, Jugendarrest, Jugendstrafe sowie Unterbringung. Eine Vielzahl der Verfahren ist noch nicht abgeschlossen.
Armut, Anonymität, dysfunktionale Familien – Täter nutzen Schwächen des Bezirks
Zur Frage, ob Täter den Bezirk gezielt auswählen, verweist das Bezirksamt auf Erkenntnisse der Unabhängigen Bundesbeauftragten gegen sexuellen Missbrauch von Kindern und Jugendlichen (UBSKM): Täter gehen demnach strategisch vor und suchen gezielt nach jungen Menschen mit erhöhter Verletzlichkeit. Als begünstigende Faktoren nennt das Bezirksamt ausdrücklich die für den Bezirk charakteristischen Großsiedlungen mit ihrer Anonymität, Armut sowie eine hohe Zahl dysfunktionaler Familienverhältnisse – Marzahn-Hellersdorf weist überdurchschnittlich viele stationäre Unterbringungen von Kindern und Jugendlichen auf. Diese Strukturen bieten laut Bezirksamt Ansatzpunkte für das sogenannte Grooming, also die gezielte Anbahnung durch das Anbieten von Aufenthaltsmöglichkeiten, Spielkonsolen, Internetzugang oder Drogen. Eine Einschätzung der Dunkelziffer – also der Fälle, die gar nicht erst angezeigt werden – sei dem Bezirksamt nicht möglich.
Tatverdächtige fast ausnahmslos deutsch und männlich
Ein zentrales Ergebnis der Auswertung: Die Tatverdächtigen sind ganz überwiegend deutsche Staatsangehörige. 2023 standen 75 deutschen Tatverdächtigen lediglich 13 nichtdeutsche gegenüber, 2024 waren es 77 zu 10, und im Jahr 2025 – geprägt durch den beschriebenen Ermittlungskomplex – schnellte die Zahl deutscher Tatverdächtiger auf 167, während nur 8 Nichtdeutsche erfasst wurden. Alarmierend: Bis Mitte März 2026 kamen bereits 67 deutsche und 4 nichtdeutsche Tatverdächtige hinzu. Über den gesamten Zeitraum entfällt damit der mit Abstand größte Teil der Tatverdächtigen auf deutsche Staatsangehörige. Nach Geschlecht betrachtet waren in allen Jahrgängen nahezu ausschließlich Männer als Tatverdächtige erfasst: 82 Männer gegenüber 6 Frauen im Jahr 2023, 87 zu 3 im Jahr 2024, 172 zu 3 im Jahr 2025, und bis März 2026 wurden 71 männliche und keine weiblichen Tatverdächtigen registriert.
Opfer: überwiegend deutsche Kinder und Jugendliche
Dasselbe Bild zeigt sich bei den Opfern: Auch die Geschädigten sind nahezu ausnahmslos deutsche Kinder und Jugendliche. 2023 wurden 92 deutsche gegenüber 7 nichtdeutschen Opfern erfasst, 2024 waren es 93 zu 9, 2025 bereits 158 deutsche Geschädigte bei nur 2 nichtdeutschen. Bis März 2026 wurden ausschließlich deutsche Opfer registriert. Die Daten machen deutlich: Sexueller Missbrauch von Kindern in Marzahn-Hellersdorf ist kein Phänomen, das sich auf bestimmte Bevölkerungsgruppen eingrenzen ließe – es trifft vor allem Kinder aus der angestammten Bevölkerung des Bezirks.
Childhood-Haus, Ambulanzen, Streetwork – das Hilfsnetz im Überblick
Um dem Problem zu begegnen, verweist der Senat auf ein breites Maßnahmenbündel. Sechs Berliner Kliniken verfügen über Kinderschutzambulanzen (KSA), die Verdachtsfälle auf sexualisierte Gewalt medizinisch und interdisziplinär abklären können. Seit 2020 betreibt Berlin zudem ein Childhood-Haus (CHH), ein Kooperationsprojekt von Senatsverwaltung und Charité, das sich auf sexualisierte Gewalt gegen Minderjährige spezialisiert hat und Betroffene an einem kindgerechten, geschützten Ort umfassend begleitet – von der medizinischen Versorgung über psychosoziale Prozessbegleitung bis zur Vermittlung von Erziehungshilfen. Fachberatungsstellen wie Wildwasser e. V., das Evangelische Jugend- und Fürsorgewerk (EJF) sowie Strohhalm e. V. ergänzen das Netz mit niedrigschwelligen Beratungsangeboten und Präventionsprogrammen in Schulen und Kitas. Der Träger HILFE-FÜR-JUNGS e. V. erreicht Jungen zudem direkt durch Streetwork auf Straßen, Spielplätzen, in Schwimmbädern und Schulen.
Bezirk plant Wanderausstellung und neues Beratungszentrum
Das Bezirksamt Marzahn-Hellersdorf setzt seinen Schwerpunkt auf Aufklärung und Sensibilisierung. Ab Mai 2026 soll eine Wanderausstellung für Grundschulen im „Haus Babylon“ das Thema ins Bewusstsein bringen. Darüber hinaus drängt der Bezirk auf die Einrichtung eines bezirksübergreifenden Beratungszentrums im Osten Berlins – entsprechende Gespräche mit dem Senat laufen bereits. Parallel wird im Rahmen der kiezorientierten Gewaltprävention das Projekt „Pädagogische Gruppenarbeit für Kinder nach Gewalterfahrung in der Familie“ gefördert.
Hilfe und Beratung: Diese Anlaufstellen gibt es
Betroffene, Angehörige und Fachkräfte finden Unterstützung bei einer Reihe spezialisierter Einrichtungen: Das Childhood-Haus Berlin an der Charité ist die zentrale interdisziplinäre Anlaufstelle für Kinder und Jugendliche, bei denen ein strafrechtliches Ermittlungsverfahren eingeleitet wurde. Wildwasser e. V. bietet Fachberatung für Mädchen und Frauen, die sexualisierte Gewalt erlebt haben. Für betroffene Jungen ist das Projekt berliner jungs von HILFE-FÜR-JUNGS e. V. zuständig, das auch Angehörige und pädagogische Fachkräfte berät. Strohhalm e. V. richtet sich als Präventionsfachstelle an Schulen, Kitas und pädagogisches Personal.
Der bundesweite Notruf gegen sexuellen Missbrauch ist kostenlos unter 0800 22 55 530 erreichbar (täglich 9–21 Uhr).
Symbolbild(er): © Marzahn-Hellersdorf.com | facebook | Instagram 📲 MaHe LIVE Whatsapp-KANAL 🗞️

