Silvester ist für viele Menschen weltweit ein ganz besonderes Ereignis. Man verabschiedet das alte Jahr und begrüßt das neue mit Feuerwerk, Sekt und oft auch großen Feierlichkeiten. In Berlin spielt sich ein Großteil der Feiern rund um das Brandenburger Tor sowie in anderen Innenstadtbezirken ab. Doch in den Randlagen, wie beispielsweise in Marzahn-Hellersdorf, sieht es häufig etwas anders aus: Dort entsteht rasch ein negativer Ruf, wenn Menschen bereits Tage vor dem offiziellen Silvestertermin mit dem Böllern beginnen oder wenn sie aufgrund ökonomischer Faktoren als „arm“ oder „sozial benachteiligt“ wahrgenommen werden.
Warum kommt es dazu, dass manche Menschen auf andere herabschauen, die das Jahr lautstark verabschieden? Wie entstehen solche Vorurteile, gerade wenn es um einen Bezirk wie Marzahn-Hellersdorf geht, der in den Medien oft wenig differenziert dargestellt wird? Und welche psychologischen Mechanismen tragen dazu bei, dass Stereotype über ganze Stadtteile verfestigt werden?

Die Tradition des Silvester-Feuerwerks in Deutschland
Das Zünden von Böllern, Raketen und Knallern an Silvester hat in Deutschland eine lange Tradition. In der Regel ist der Verkauf von Feuerwerkskörpern nur in den letzten Tagen des Jahres erlaubt, und offiziell dürfen diese an Silvester (31. Dezember) und in den frühen Morgenstunden des Neujahrstags (1. Januar) gezündet werden. Doch in vielen Wohngebieten in Marzahn-Hellersdorf beginnen Menschen schon vorher mit dem Abfeuern von Raketen – entweder aus Freude über die Feierlichkeiten oder schlicht aus Unwissen und Ungeduld.
Diese Praxis sorgt bei einigen Anwohnern für Unmut: Sie beklagen sich über Lärm, verschreckte Haustiere, Müll auf der Straße und potenzielle Gefahren durch unsachgemäßen Umgang mit Feuerwerkskörpern. Das alles ist nicht spezifisch für Marzahn-Hellersdorf, doch in der öffentlichen Wahrnehmung wird „frühes Böllern“ dort besonders häufig mit negativen Stereotypen verknüpft. Man liest diese Kommentare in den beiden führenden Marzahn-Hellersdorfer Facebook-Gruppen regelmäßig – und das nicht nur, wenn es um Silvester und das Böllern geht.

Marzahn-Hellersdorf: Ein Bezirk mit Klischees und realen Herausforderungen
Historischer Hintergrund und Struktur
Marzahn-Hellersdorf liegt im Nordosten Berlins und ist geprägt von den sogenannten Plattenbausiedlungen, die in der DDR-Zeit errichtet wurden. Nach der Wende zogen viele junge und gutverdienende Menschen in andere Bezirke oder verließen Berlin, was in einigen Vierteln zu Leerstand und steigendem sozialen Druck führte. Im Jahr 1995 besuchten noch 60.000 Kinder die Schulen in diesem Bezirk. Bis 2007 sank diese Zahl auf 20.000. Von ursprünglich 110 Schulen blieben lediglich 46 übrig. Der Leerstand in Marzahn-Hellersdorf erreichte bis zu 15 Prozent. Gegen Ende der 1990er Jahre wurden im gesamten Bezirk etwa 3.500 Wohnungen und 70 öffentliche Gebäude abgerissen. Viele Menschen zogen weg, und es war ungewiss, ob sie zurückkehren würden. Infolgedessen geriet die Infrastruktur zunehmend in Vergessenheit. Dieser Wandel hat bei vielen Außenstehenden das Bild verfestigt, Marzahn-Hellersdorf sei generell „sozial schwach“ oder besonders „problembehaftet“.
Gleichzeitig hat sich in den vergangenen Jahren viel getan: Zahlreiche Wohnbauten wurden modernisiert, es wurden neue Einfamilienhaus-Siedlungen gebaut, Grünflächen angelegt und Gemeinschaftsprojekte ins Leben gerufen. Der Bezirk ist heute vielfältiger, als das Klischee einer „grauen Betonwüste“ vermuten lässt. Dennoch halten sich alte Vorurteile hartnäckig – vor allem, wenn Menschen das Gebiet nur aus Medienberichten über „Problemviertel“ kennen.

Reale soziale Herausforderungen
Sozial benachteiligte Gruppen sind in Marzahn-Hellersdorf durchaus anzutreffen – wie in jedem anderen Großstadtbezirk auch. Arbeitslosigkeit, geringe Einkommen und wenig Perspektiven betreffen bestimmte Bevölkerungsgruppen stärker. Die dadurch entstehenden Spannungen und Frustrationen können sich auch in bestimmten Verhaltensweisen ausdrücken, etwa lautem Feiern oder vorzeitigem Böllern. Aber hier handelt es sich um Einzelfälle und nicht um ein „allgemeines Merkmal“ aller Bewohner in Marzahn-Hellersdorf.
Psychologische Hintergründe von Vorurteilen und Stigmatisierung
Stereotype und Vorurteile
Der Mensch neigt von Natur aus dazu, seine Umwelt in Kategorien einzuteilen, um sich schneller orientieren zu können. Diese vereinfachten Kategorien können jedoch in Vorurteile umschlagen, wenn wir ganze Gruppen – wie „die Leute aus Marzahn-Hellersdorf“ – mit negativen Eigenschaften verbinden. Stereotype erfüllen oft die Funktion, komplexe soziale Realitäten zu vereinfachen, doch sie werden schnell zur ungerechten Schublade, wenn sie nicht hinterfragt werden.

Fundamentaler Attributionsfehler: Wir neigen dazu, das Verhalten von Menschen auf deren Charakter (z. B. „die sind asozial“) zurückzuführen, statt auf äußere Umstände (z. B. Arbeitslosigkeit, mangelnde Bildungsangebote).
In-Group vs. Out-Group
Die Soziale-Identitäts-Theorie (Social Identity Theory) besagt, dass Menschen sich Gruppen zuordnen, um ihr Selbstwertgefühl zu steigern. Wer in einer gefestigten sozialen oder geografischen Gruppe lebt (z. B. in einem „gut situierten“ Kiez), grenzt sich unter Umständen gegen Personen ab, die als andersartig oder „weniger wertvoll“ empfunden werden (z. B. Bewohner von Plattenbauvierteln). Diese Schaffung von „Wir“ und „die Anderen“ verstärkt Abgrenzung und negative Zuschreibungen.

Confirmation Bias (Bestätigungsfehler)
Wenn wir einmal von einem Bezirk wie Marzahn-Hellersdorf ein negatives Bild haben, tendieren wir dazu, nach Belegen zu suchen, die dieses Bild bestätigen. Das heißt, Berichte über frühes Böllern, Vandalismus oder Lärm werden eher wahrgenommen und verbreitet, während positive Nachrichten (z. B. über gelungene Nachbarschaftsfeste, Modernisierungsprojekte) seltener im Bewusstsein bleiben.
Scapegoating (Sündenbock-Suche)
Gerade rund um Silvester, wenn Lärm und Schmutz viele Menschen stören, wird schnell ein Sündenbock gesucht. Der Bezirk mit ohnehin bereits negativem Ruf dient in den Medien oder im Bekanntenkreis oft als passende Projektionsfläche: „Es sind eben immer die gleichen, die Regeln brechen.“ So werden komplizierte soziale Fragen vereinfacht – eine klassische psychologische Strategie, um Unbehagen abzubauen, indem man einen klaren Schuldigen (oder eine Gruppe) benennt. In diesem Fall handelt es sich scheinbar um Arbeitslose in Marzahn-Hellersdorf, die böllern und sich hinterher darüber beschweren, dass sie im Januar die Miete nicht zahlen können – so die Erzählung in einer Hellersdorfer Facebook-Gruppe.

Warum Menschen früher böllern und wie sich das erklären lässt
Vorfreude oder Unwissenheit
Manche sehen das Feuerwerk als großen Spaß und können es kaum erwarten. Andere sind sich der genauen Regelungen (z. B. erst am 31. Dezember) vielleicht nicht bewusst oder nehmen sie nicht so ernst.
Sozialer Protest oder Ausdruck von Frustration
Bei Menschen, die sich gesellschaftlich abgehängt fühlen, kann das vorzeitige Böllern auch ein Ausdruck des Frusts gegenüber Restriktionen und Autoritäten sein: „Uns hört eh niemand zu, also machen wir es so, wie wir wollen.“
Gruppendruck und Konformität
Wenn eine Clique beginnt, schon am 29. oder 30. Dezember zu böllern, machen andere möglicherweise mit, um nicht als Außenseiter dazustehen. Hier spielt das Bedürfnis nach Zugehörigkeit eine Rolle.
Mangelnde Alternativangebote
In Bezirken, in denen es weniger kostenfreie Freizeitangebote oder kulturelle Einrichtungen gibt, werden gemeinschaftliche Erlebnisse wie Feuerwerk (selbst wenn es offiziell zu früh ist) stärker genutzt und geschätzt.

Möglichkeiten zur Konfliktlösung und zum Abbau von Vorurteilen
Aufklärung und Sensibilisierung
Informationskampagnen über geltende Regelungen, Gefahren und Rücksichtnahme in Schulen, Jugendclubs und Stadtteilzentren.
Kulturelle Angebote rund um Silvester, die als gemeinschaftliche Feiern gestaltet werden – etwa professionelle Feuerwerke an Sammelplätzen.
Verstärkte Kommunikation und Beteiligung
Nachbarschaftsforen und -initiativen: Wenn Menschen miteinander sprechen, anstatt übereinander zu urteilen, kann Verständnis füreinander entstehen.
Quartiersmanagement: In vielen Berliner Kiezen gibt es bereits Quartiersräte, die versuchen, lokale Probleme zu lösen und Menschen in Entscheidungen einzubeziehen. In Marzahn-Hellersdorf sind es die Quartiersmanagements mit besonders sozial abgehängten Wohngebieten, wie das QM Alte Hellersdorfer Straße, das QM Hellersdorfer Promenade und das QM Kastanienboulevard.

Prävention und Deeskalation durch Behörden
Präsenz von Polizei und Ordnungsamt: Statt reiner Strafverfolgung kann eine frühzeitige Ansprache (etwa bei zu frühem Böllern) zur Deeskalation beitragen. In Marzahn-Hellersdorf ist das aus personellen Gründen seit Jahren praktisch nicht möglich. Das Ordnungsamt in Marzahn-Hellersdorf kann sich um solche Ordnungswidrigkeiten gar nicht erst kümmern, da es aufgrund von Personalmangel und Überlastung vorrangig mit anderen Aufgaben beschäftigt ist. Die Polizei in Berlin ist lediglich am Silvesterabend besonders gut auf das Silvestergeschehen vorbereitet.
Psychologisches Verständnis fördern
Empathie statt Verurteilung: Wer sich über „frühes Böllern“ ärgert, könnte zuerst das Gespräch suchen: Warum machen sie es? Kennen sie die Regeln?
Selbstreflexion: Welche Vorurteile trage ich selbst in mir? Habe ich vielleicht eine einseitige Sichtweise, wenn ich an „Marzahn-Hellersdorf“ denke?



Silvester ist ein Fest, bei dem Emotionen hochkochen – positiv wie negativ. In einem großen Bezirk wie Marzahn-Hellersdorf, der seit Jahren mit Vorurteilen und Stigmatisierungen kämpft, führen Feuerwerke und damit verbundene Regelverstöße schnell zu medialer Aufmerksamkeit und gesellschaftlichen Diskussionen. Die Psychologie zeigt, wie sich Stereotype bilden und warum sie sich so hartnäckig halten: Menschen suchen nach schnellen Erklärungen, nach Bestätigung ihres Weltbildes und grenzen sich dabei oft von einer vermeintlichen „Out-Group“ ab.

Wer jedoch genauer hinsieht, erkennt, dass Marzahn-Hellersdorf längst kein monolithischer Problembezirk mehr ist, sondern ein Ort der Vielfalt. Das frühzeitige Zünden von Böllern ist in den allermeisten Fällen keine bewusste Provokation, sondern eine Mischung aus Tradition, fehlender Information, Vorfreude oder manchmal sozialer Frustration. Derartige Verhaltensweisen sind kein exklusives Merkmal dieses Bezirks, sondern kommen auch in anderen Teilen Berlins und Deutschlands vor.
Durch gezielte Aufklärung, bessere Kommunikation und ein höheres Maß an gegenseitigem Verständnis lassen sich viele Spannungen rund um Silvester reduzieren. So kann das Neujahrsfest wieder stärker zu dem werden, was es eigentlich sein sollte: ein gemeinsames Feiern und Hoffen auf ein gutes neues Jahr – ohne dass Menschen sich gegenseitig stigmatisieren oder als „sozial benachteiligt“ herabwürdigen.
Klar ist: Die Menschen, die stigmatisierend kommentieren, sind zwar nicht viele, aber dafür besonders laut.
Screenshots: aus den führenden Marzahn-Hellersdorfer Facebook-Gruppen
Titelbild: Feiernde junge Menschen um einen in Brand stehenden Haufen abgefeuerter Silvesterbatterien am Neujahrsmorgen, dem 1.1.2024, in Marzahn-Hellersdorf. – © Marzahn-Hellersdorf.com

