19. April 2026

153 neue Wohnungen in Hellersdorf: Wie STADT UND LAND den Innenhof der Bodo-Uhse-Straße bebaut hat – und warum das Projekt so umstritten ist

Nach jahrelangem Streit um Grünflächen, Anwohnerprotesten und einer letztlich erteilten Baugenehmigung stehen die beiden Neubauten im Roten Viertel seit 2025. Ein Blick auf Fakten, Kontroversen und offene Fragen.

PROJEKTDATEN AUF EINEN BLICK

Standort: Bodo-Uhse-Straße 8–10, 12619 Berlin-Hellersdorf (Kaulsdorf-Nord)
Bauherr: STADT UND LAND Wohnbauten-Gesellschaft mbH
Generalunternehmer: Kondor Wessels Bouw Berlin GmbH
Grundstücksfläche: 6.273 m²
Wohneinheiten: 153 Wohnungen (1- bis 5-Zimmer)
Gewerbeeinheit: 1 Kinderarztpraxis
Gebäude: 2 sechsgeschossige Einzelhäuser + Staffelgeschoss
Barrierefreiheit: 130 barrierefreie Wohnungen, rollstuhlgerechte WE im Erdgeschoss
PKW-Stellplätze: 48 (davon 4 behindertengerecht) + Fahrradstellplätze
Baugenehmigung erteilt: Juli 2022
Bauantrag eingereicht: 22. Dezember 2022
Baubeginn: 2023
Fertigstellung: Frühjahr 2025
Geförderter Anteil: ca. 50 % (Sozialer Wohnungsbau)
Miete geförderter WE: 6,50 Euro Nettokaltmiete pro m²
Miete freier WE: unter 11,50 Euro Nettokaltmiete pro m²
ÖPNV-Anbindung: U-Bahnhof Kaulsdorf-Nord (U5), ca. 500 Meter

Aus dem Garagenhof zum Wohnquartier: Das Projekt in der Übersicht

In Berlin-Hellersdorf, genauer im sogenannten Roten Viertel rund um den U-Bahnhof Kaulsdorf-Nord, hat die landeseigene Wohnungsbaugesellschaft STADT UND LAND eines ihrer größten Neubauprojekte der vergangenen Jahre abgeschlossen. An der Bodo-Uhse-Straße 8–10 stehen seit 2025 zwei sechsgeschossige Wohnhäuser mit insgesamt 153 Mietwohnungen – gebaut auf einem Grundstück, das bis vor Kurzem noch als Garagenhof und Parkfläche genutzt wurde.

Fotos: Nov. 2022

Das Projekt war nicht unumstritten. Vom ersten Bekanntwerden im Herbst 2021 bis zur Fertigstellung Anfang 2025 begleiteten Anwohnerproteste, politische Debatten und juristische Auseinandersetzungen das Vorhaben. Dennoch – oder gerade deshalb – lohnt ein genauer Blick auf das, was gebaut wurde, wie es gebaut wurde und welche Fragen bis heute offen bleiben.

Zwei Häuser, ein Quartier

Auf einer Grundstücksfläche von 6.273 Quadratmetern errichtete der Generalunternehmer Kondor Wessels im Auftrag der STADT UND LAND zwei zeilenförmige Einzelhäuser in Ost-West-Ausrichtung. Die Gebäude verfügen jeweils über sechs Vollgeschosse sowie ein aufgesetztes Staffelgeschoss und orientieren sich in ihrer Gebäudehöhe an den umliegenden Plattenbauten des Bestands.

Fotos: Dez. 2022

Die 153 Wohneinheiten umfassen Grundrisse von 1 bis 5 Zimmern. 130 Wohnungen sind barrierefrei konzipiert, mehrere Wohnungen im Erdgeschoss sind rollstuhlgerecht. Die Aufzüge halten auf allen Etagen – einschließlich des Untergeschosses, in dem sich Rollator-, Kinderwagen- und Fahrradräume sowie Mieterkeller befinden. Alle Wohnungen verfügen über Balkone oder Terrassen.

Ergänzt wird das Ensemble durch eine Gewerbeeinheit – eine Kinderarztpraxis –, die die soziale Infrastruktur des Quartiers stärken soll. Im Außenbereich entstanden Grünanlagen, ein Spielplatz sowie 48 PKW-Stellplätze und zahlreiche Fahrradstellplätze.

Chronologie: Von der Planung zum Widerstand bis zur Baugenehmigung

September 2021: Die Pläne werden bekannt

Die städtische Wohnungsbaugesellschaft Stadt und Land kündigte zwei Neubauvorhaben mit jeweils rund 150 Mietwohnungen an der Bodo-Uhse-Straße 8/10 und der Lily-Braun-Straße 13/15 an. Bebaut werden sollten die Innenhöfe, wogegen die Anwohner protestierten. Der Zeitpunkt war für viele Betroffene ein Reizpunkt: Einen Tag nach der Bundestagswahl habe man das Schreiben erhalten, schilderten Anwohnerinnen und Anwohner gegenüber der Berliner Morgenpost. Die Berliner Woche und weitere Lokalmedien berichteten erstmals über das Vorhaben. Die damals genannte Zahl von 156 geplanten Wohnungen wurde im weiteren Verfahren auf 153 korrigiert.

November 2021: Anwohnerprotest und politischer Widerstand

Die Reaktion in der Nachbarschaft war eindeutig ablehnend. Hannelore M., seit 1987 im Viertel wohnhaft, fürchtete den Verlust von Wohnqualität und Lebensraum für Tiere wie Eichhörnchen und Igel und fragte sich, wo all die Autos parken sollen, wenn der Platz in den Innenhöfen schwindet.

Fotos: Mai 2023

Der Linke-Abgeordnete Kristian Ronneburg, Wahlkreisabgeordneter für Hellersdorf-Süd und Kaulsdorf-Nord, lehnte das Vorhaben öffentlich ab und sah enorme Herausforderungen auf den Kiez zukommen, was die Versorgung mit Grünflächen, Kitas und Schulen angehe. Er erklärte, es wäre völlig kontraproduktiv, wenn Flächen, die der Erholung und dem Klima dienen, bei weiterer Nachverdichtung eingeschränkt oder aufgegeben würden.

Die SPD-Fraktion in der Bezirksverordnetenversammlung (BVV) Marzahn-Hellersdorf setzte sich mit einem Antrag für einen schnellstmöglichen Stopp der Bauarbeiten ein. Fraktionen aller demokratischen Parteien – bis auf die FDP – sprachen sich für den Erhalt des Innenhofs aus. Bürgerinitiativen, darunter das Berliner Bündnis für nachhaltige Stadtentwicklung (BBNS), richteten einen Brandbrief an den damaligen Bausenator Andreas Geisel (SPD).

Dezember 2022: Bauantrag und eine strittige Senatorenentscheidung

Am 22. Dezember 2022 reichte STADT UND LAND den formellen Bauantrag beim Bezirksamt ein. Als STADT UND LAND gegen die Versagung der Baugenehmigung durch das Bezirksamt Marzahn-Hellersdorf Widerspruch einlegte, entschied der SPD-Bausenator, dass der Bauvorbescheid aus dem Jahr 2021 Bindungswirkung habe und die städtebauliche und planungsrechtliche Zulässigkeit des Vorhabens damit gesetzt sei.

Fotos: September 2023

Das Bezirksamt hatte die Baugenehmigung schließlich im Juli 2022 erteilt. Für die Gegner des Projekts war die Senatorenentscheidung eine bittere Niederlage. Ronneburg kommentierte: Die rechtlichen Möglichkeiten des Bezirksamtes seien von Beginn an äußerst begrenzt gewesen, das Vorhaben abzulehnen. Er bedauere dies zutiefst und sei der Meinung, dass das landeseigene Unternehmen einen Fehler begehe. Es seien keine egoistischen Motive der Mieterinnen und Mieter, sondern das echte Bedürfnis von Hellersdorferinnen und Hellersdorfern, ein Stück Lebensqualität und eine grüne Oase in einem dicht bebauten Stadtteil zu erhalten.

November 2022: Der Innenhof wird gerodet

Im November 2022 wurde der Innenhof der Bodo-Uhse-Straße gerodet. Die Bürgerinitiative BBNS dokumentierte den Vorgang öffentlich und beklagte den Kahlschlag. Anders verlief es am Schwesterprojekt: Die Fällung der Bäume auf dem Innenhof der Lily-Braun-Straße konnte zunächst verhindert werden.

2023–2025: Bau, Registrierungsstart und Fertigstellung

Die Bauarbeiten begannen 2023 und wurden von Kondor Wessels zügig vorangetrieben. Im Mai 2024 öffnete STADT UND LAND eine Online-Registrierungsphase für Wohnungsinteressenten. Für die Bodo-Uhse-Straße war eine Fertigstellung bis Frühjahr 2025 geplant, ab Dezember 2024 konnten bereits die ersten Mieter einziehen.

Fotos: Oktober 2023

Bezahlbarer Wohnraum: Zahlen und Mietstruktur

Ein zentrales Argument der STADT UND LAND war stets die Schaffung bezahlbaren Wohnraums. Die Hälfte der Wohnfläche wird durch das Land Berlin gefördert und an Inhaber eines Wohnberechtigungsscheins vermietet. Die monatliche Nettokaltmiete liegt in diesen Fällen bei 6,60 Euro pro Quadratmeter. Die Mieten der restlichen Wohnungen werden durchschnittlich bei unter elf Euro pro Quadratmeter liegen.

Rund die Hälfte der Einheiten wurde durch das Land Berlin gefördert und zu einer Nettokaltmiete von 6,50 Euro pro Quadratmeter angeboten. Die übrigen Wohnungen bewegen sich im mittleren Preissegment mit Mieten unter 11,50 Euro pro Quadratmeter.

Verkehr, Infrastruktur und Wohnumfeld

Der U-Bahnhof Kaulsdorf-Nord liegt rund 500 Meter vom Neubau entfernt. Nahversorgungsmöglichkeiten sind mit dem Spreecenter Hellersdorf fußläufig erreichbar. Seit vielen Jahren steht das ehemalige Nahversorgungszentrum am Cecilienplatz leer. Wo einst ein Supermarkt, Arztpraxen und verschiedene Geschäfte den täglichen Bedarf der Anwohner deckten, prägt heute ein Ensemble aus verfallenden Gebäuden das Bild rund um den U-Bahnhof Kaulsdorf-Nord. Die Ruinen sind mittlerweile stark heruntergekommen. Für viele Anwohner ist der Zustand seit Jahren ein Ärgernis: Statt eines lebendigen Versorgungsstandortes präsentiert sich der zentrale Platz am Cecilienplatz heute als städtebaulicher Missstand, der das Umfeld sichtbar belastet und das Erscheinungsbild des Quartiers deutlich beeinträchtigt.

Fotos: Januar 2024

Die soziale Infrastruktur soll weiter ausgebaut werden: In den nächsten Jahren entstehen viele weitere Wohnungen im Kiez. Bereits fertiggestellt ist der Bau des neuen Gymnasiums in der Erich-Kästner-Straße. Außerdem wird am Auerbacher Ring der Bau einer Integrierten Sekundarschule (ISS), bzw. Gemeinschaftsschule, vorangetrieben, die Bauarbeiten haben begonnen. Dazu haben wir bereits informiert.

Kritisch bleibt die Parkplatzsituation im Wohngebietsviertel Bodo-Uhse-Straße, Peter-Huchel-Straße und Lily-Braun-Straße. Die 48 neu geschaffenen Pkw-Stellplätze dürften bei 153 Wohneinheiten kaum ausreichen – zumal die zuvor abgerissenen Garagen deutlich mehr Fahrzeuge aufnehmen konnten. Seither zeigt sich in der Bodo-Uhse-Straße ein angespanntes Bild. Wie eine Anwohnerin berichtet, schreitet das Ordnungsamt nur selten gegen die zahlreichen Falschparker ein.

Auch in der benachbarten Peter-Huchel-Straße hat sich die Situation verschärft: Dort parken morgens regelmäßig viele Fahrzeuge im Fünf-Meter-Bereich vor der dreieins-Grundschule sowie – ebenfalls im Sicht- und Fünf-Meter-Bereich – vor der Hollerbusch-Grundschule. Zustände, die nicht akzeptabel sind.

Der Eindruck drängt sich auf, dass das Ordnungsamt Marzahn-Hellersdorf die Verfolgung der zahlreichen Verstöße weitgehend aufgegeben hat. Auch die Abgeordneten, die sich bislang gegen den Bau der Wohnungen ausgesprochen haben, scheinen diese Entwicklung tatenlos hinzunehmen und die Augen vor den inzwischen untragbaren Zuständen zu verschließen.

Fotos: Juni 2024

Kontroverse: Grünfläche gegen Wohnraum

Das Dilemma der wachsenden Stadt

Das Projekt Bodo-Uhse-Straße steht exemplarisch für einen Konflikt, der in Berlin und anderen Großstädten immer häufiger aufbricht: der Widerspruch zwischen dringend benötigtem Wohnungsneubau und dem Erhalt urbaner Grünflächen. Beide Seiten haben gewichtige Argumente.

Auf der einen Seite steht der eklatante Wohnungsmangel in Berlin. STADT UND LAND bewirtschaftet mehr als 50.500 Wohnungen im eigenen Bestand und zählt zu den großen städtischen Wohnungsbaugesellschaften Berlins. Der Bestand soll bis 2026 durch Neubau und Ankauf auf insgesamt rund 55.000 Wohnungen wachsen. Der Druck, Wohnraum zu schaffen, war politisch und gesellschaftlich erklärter Auftrag.

Auf der anderen Seite stehen ökologische und soziale Einwände. Die grünen Innenhöfe der Plattenbausiedlungen der 1970er und 1980er Jahre sind keine Restflächen, sondern bewusst angelegte Erholungsräume. Sie erfüllen wichtige klimatische Funktionen – Kühlung, Versickerung, Biodiversität – und sind als wohnungsnahe Grünräume für ältere Menschen, Kinder und mobilitätseingeschränkte Bewohner von besonderer Bedeutung.

Fotos: Oktober 2024

Die Position der Kritiker

Viele Anwohner lehnten das Vorhaben ab, weil sie die Grünoasen vor der Tür schätzen, dort Bäume gefällt werden müssten, sie sich um das Klima sorgen und mangelnde Infrastruktur ankreiden. Die Kritiker argumentierten nicht grundsätzlich gegen Wohnungsbau, sondern gegen diesen Standort. In Marzahn-Hellersdorf rege sich Widerstand gegen die Nachverdichtung. Anwohner forderten sozialverträglichen Wohnungsbau und den Erhalt wichtiger Infrastruktur.


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Darüber hinaus sahen viele Anwohner das Verfahren als Muster mangelnder Bürgerbeteiligung: Die Information kam spät, knapp und ohne echten Dialog. Das hinterließ Bitterkeit, die durch den Bescheid des SPD-Bausenators noch verstärkt wurde – der Bezirk, der den Willen der Bürger und des Bezirksparlaments zu vertreten suchte, wurde letztlich von der Landesebene überstimmt.

Die Position von STADT UND LAND

Die Wohnungsbaugesellschaft betonte durchgehend, dass das Projekt rechtlich zulässig und gesellschaftlich notwendig sei. Man baue bezahlbaren Wohnraum im Sinne aller Berlinerinnen und Berliner, nicht nur für die unmittelbare Nachbarschaft. Das Grundstück gehöre bereits STADT UND LAND, sei nicht als öffentliche Grünfläche ausgewiesen und werde durch eine Garagenanlage genutzt, die ohnehin keine hohe Aufenthaltsqualität biete. Auch Nachhaltigkeitsaspekte wurden hervorgehoben: begrüntes Flachdach, zahlreiche Fahrradstellplätze, umfassende Barrierefreiheit, Nähe zum ÖPNV.

Einordnung und Ausblick

Der Neubau Bodo-Uhse-Straße 8–10 ist fertiggestellt – und das ist, je nach Perspektive, eine Erfolgsgeschichte oder eine verpasste Chance. 153 Menschen oder Familien haben neue, moderne, barrierefreie Wohnungen in guter Lage erhalten, rund die Hälfte davon zu sozial geförderten Mieten. Das ist keine Kleinigkeit in einer Stadt, in der erschwinglicher Wohnraum zu einem Luxusgut geworden ist.

Gleichzeitig bleiben unbehagliche Fragen: Hat das Viertel durch die Bebauung des Innenhofs an Lebensqualität verloren? Wurden die Interessen der Bestandsbewohner ausreichend berücksichtigt? Und ist Kaulsdorf-Nord damit am Ende der Nachverdichtung – oder erst am Anfang?

Was bleibt, ist ein Beispiel für das strukturelle Dilemma moderner Stadtentwicklung: In einer wachsenden, angespannten Metropole gibt es keine einfachen Antworten. Was es braucht, ist ein ehrlicher, transparenter und frühzeitiger Dialog mit den betroffenen Menschen – und der politische Mut, unbequeme Abwägungen öffentlich zu führen.

Wie sind Ihre Meinungen und Erfahrungen zu diesem Neubau? Schreiben Sie uns diese gern unten in die Kommentare.

Hinweis: Sämtliche Fotos sind urheberrechtlich geschützt. Eine Verwendung unserer Bilder bedarf der vorherigen schriftlichen Genehmigung.

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