Zwischen den Zügen der Ostbahn, die Tag für Tag über die Gleise am Brebacher Weg rauschen, liegt ein Stück Berliner Geschichte, das vielen verborgen bleibt. Hier, am Rand von Biesdorf und Wuhlgarten, kreuzen sich Vergangenheit und Gegenwart: das Dröhnen moderner S-Bahnen trifft auf die Stille eines Ortes, an dem einst Menschen litten, hofften – und starben.
Das Gelände des ehemaligen Wilhelm-Griesinger-Krankenhauses war einst ein Musterprojekt städtischer Gesundheitsversorgung. Ende des 19. Jahrhunderts galt die „Anstalt für Epileptische Wuhlgarten“ als fortschrittlich und selbstversorgend – mit eigenem Park, Werkstätten und sogar einem Anschlussgleis an die Preußische Ostbahn. Über diese Schiene kamen Kohle und Lebensmittel, Baumaterial und Medikamente.

Doch dieselben Gleise wurden Jahrzehnte später Teil einer unheilvollen Geschichte: Während der NS-Zeit diente die Bahn auch der Deportation von Patientinnen und Patienten – Opfer der sogenannten „Euthanasie“-Morde. Die Spuren jener Verbrechen reichen bis heute in das Gelände hinein, das längst vom Grün der Wuhle und den modernen Klinikbauten überlagert scheint.
Wer heute den Bahnübergang am Brebacher Weg überquert, bewegt sich also über mehr als Asphalt und Schienen: über Boden, der Geschichten trägt – von Fortschritt und Fürsorge, aber auch von Unrecht und Erinnerung.
Der Anschluss an die Ostbahn – Wuhlgarten als Stadtprojekt
Die Preußische Ostbahn, 1867 eröffnet, war Berlins Tor nach Osten – eine Lebensader Richtung Küstrin, Danzig und Königsberg. Als die Stadt Berlin 1893 beschloss, eine neue Heil- und Pflegeanstalt „auf der grünen Wiese“ zu errichten, fiel die Wahl auf ein Gelände nördlich der Trasse in Biesdorf. Der Ort hieß Wuhlgarten, nach dem kleinen Fluss, der das Areal begrenzte.

Die Anlage, geplant von Stadtbaurat Hermann Blankenstein, galt als beispielhaft: Pavillons inmitten weiter Grünflächen, Landwirtschaft zur Selbstversorgung, Werkstätten und ein eigenes Stromhaus. Damit all das funktionierte, erhielt die Anstalt einen eigenen Gleisanschluss an die Ostbahn. Über dieses Anschlussgleis gelangten Lebensmittel, Heizkohle, Wäsche und Materialien auf das Gelände. Auch Personal und Patienten kamen zum Teil auf diesem Weg.
Innerhalb des Areals verband zusätzlich eine schmalspurige Feldbahn die einzelnen Häuser und Versorgungseinrichtungen. Sie transportierte Brennmaterial, Möbel oder Speisen – ein damals modern durchdachtes Logistiksystem, das zur Selbstständigkeit der Anstalt beitrug.
Von Heilung zu Vernichtung – Die NS-Zeit in Wuhlgarten
Mit der Machtübernahme der Nationalsozialisten 1933 veränderte sich der Charakter der Einrichtung radikal. Aus einem Ort der Heilung wurde ein Ort des Schreckens. Ab 1939 erfassten die Gesundheitsbehörden systematisch psychisch erkrankte oder als „lebensunwert“ klassifizierte Menschen. In Wuhlgarten begannen Selektionen, Verlegungen und Transporte.
Unter der zentral gesteuerten „Aktion T4“ (1939–1941) wurden aus Wuhlgarten mindestens 1.020 Patientinnen und Patienten in Tötungsanstalten wie Brandenburg-Görden, Bernburg oder Hadamar gebracht und dort ermordet. Nach dem formellen Ende der Aktion T4 setzte die sogenannte „dezentrale Euthanasie“ fort, bei der weitere etwa 1.000 Menschen starben. Insgesamt fanden auf dem Gelände über 2.100 Opfer ihre letzte Ruhe – verteilt auf acht bekannte Sammelgräber.
Die Transporte erfolgten zunächst mit Bussen, später über das Anstaltsgleis. Angehörige erhielten verschleiernde Mitteilungen über angebliche „Verlegungen aus Luftschutzgründen“. Das Gleis, das einst der Versorgung diente, wurde damit Teil der NS-Tötungsmaschinerie.

Heute erinnert ein schlichter, aber eindringlicher Gedenkstein an diese Gleisverbindung – von den Nachfahren und Initiativen als „Todesgleis“ bezeichnet.
Nachkriegszeit und Wandel
Nach 1945 setzte die Stadt Berlin den Klinikbetrieb fort. 1968 erhielt die Einrichtung den Namen Wilhelm-Griesinger-Krankenhaus, nach dem Berliner Psychiater und Sozialreformer. In der DDR-Zeit galt sie als zentrale Fachklinik für Psychiatrie und Neurologie, ergänzt um Pflegeheime, Werkstätten und Therapieeinrichtungen.
Nach der Wiedervereinigung wurde das Gelände schrittweise verkleinert und umstrukturiert. Teile gingen an das Unfallkrankenhaus Berlin (UKB), andere Gebäude wurden von sozialen Trägern oder der Initiative Wuhlgarten e. V. übernommen, die bis heute das historische Erbe pflegt. 1998 wurde am ehemaligen Gleisrest eine Gedenktafel eingeweiht, die an die Opfer der NS-„Euthanasie“-Verbrechen erinnert.
Die Bauten, Achsen und Parkanlagen stehen seit 1989 unter Denkmalschutz.
Orte der Erinnerung
Heute ist das Gelände von Wuhlgarten nicht nur Klinik, sondern auch ein stiller Erinnerungsort. Mehrere Stationen machen die Geschichte sichtbar:
- Gedenkstein am „Todesgleis“ – in der Nähe des früheren Anschlussgleises; erinnert an die Transporte der Opfer.
- Krankenhauskirche Wuhlgarten (Brebacher Weg 15) – beherbergt eine Dauerausstellung über die NS-Euthanasie-Morde und ist regelmäßig Ort von Gedenkveranstaltungen.
- Stelenfeld am Wuhlehang – markiert eines der bekannten Massengräber.
- Historischer Friedhof am Buckower Ring – Begräbnisstätte und Gedenkort zugleich.
- Infotafeln und Wegeplan – dokumentieren das Klinikgelände und seine Topografie.
Hier wird Geschichte begehbar – nicht museal, sondern eingebettet in den Alltag.

„Gleise im Gras“ – Was bis heute sichtbar bleibt
Wer sich Zeit nimmt, kann im Gelände noch Spuren der Vergangenheit entdecken: leicht erhöhte Dämme, Fundamente, kleine Vegetationslinien, die den Verlauf der alten Schienen nachzeichnen. Zwischen dem Brebacher Weg und dem Wuhlehang verlaufen diese Spuren fast parallel zur heutigen Bahntrasse.

Auch das Zusammenspiel der Gleise mit dem Biesdorfer Kreuz, wo sich Ostbahn und Berliner Außenring treffen, verweist auf die logistische Bedeutung des Ortes. Das alte Anschlussgleis fügte sich in diese Infrastruktur nahtlos ein – ein scheinbar technisches Detail, das zur Komplizin staatlicher Gewalt wurde.
Ein Ort zwischen Verkehrsroutine und Mahnung
Heute rollen über die Ostbahn S-Bahnen und Regionalzüge. Der Bahnübergang am Brebacher Weg ist Teil des alltäglichen Pendlerstroms. Doch wer kurz innehält, erkennt: Diese Schienen tragen eine doppelte Geschichte – Fortschritt und Verbrechen, Bewegung und Stillstand, Leben und Tod.

Die Initiative Wuhlgarten e. V. und das Bezirksmuseum Marzahn-Hellersdorf sorgen dafür, dass die Erinnerung wach bleibt. Führungen, Ausstellungen und Publikationen machen sichtbar, was unter Gras und Asphalt verborgen liegt.
🗺️ Orientierung und historische Karte
Wer den Ort heute erkunden möchte, kann eine historische Übersichtskarte nutzen. Sie zeigt den Verlauf der alten Ostbahn, das ehemalige Anschlussgleis, die heutigen Klinik- und Gedenkorte sowie die Wege im Wuhletal.
Die Karte verbindet Vergangenheit und Gegenwart – als Einladung, die Spuren im Gelände selbst zu entdecken.
Link zu einem von 2011 VIDEO.
🔗 Quellen & weiterführende Informationen
- Gedenkort T4 – Historischer Ort Heil- und Pflegeanstalt Wuhlgarten
https://gedenkort-t4.eu/historische-orte/heil-und-pflegeanstalt-berlin-wuhlgarten-standort-wuhlgarten - Geschichte des Krankenhausstandortes Wuhlgarten (PDF)
https://wuhletal.de/wp-content/uploads/2023/09/WG_Geschichte.pdf - Wilhelm-Griesinger-Krankenhaus (Wikipedia)
https://de.wikipedia.org/wiki/Wilhelm-Griesinger-Krankenhaus - Berliner Bezirksamt Marzahn-Hellersdorf: Pressemitteilung zu Wuhlgarten 2011
https://www.berlin.de/ba-marzahn-hellersdorf/aktuelles/pressemitteilungen/2011/pressemitteilung.302829.php - Gedenktafeln in Berlin – Opfer der „Euthanasie“
https://www.gedenktafeln-in-berlin.de/gedenktafeln/detail/opfer-des-nationalsozialismus/2211 - Die Feldbahn im Wilhelm-Griesinger-Krankenhaus (Bimmelbahn-Forum)
https://bimmelbahn-forum.de/forum/index.php?thread/20101-die-feldbahn-im-wilhelm-griesinger-krankenhaus-biesdorf/ - Gedenk- und Informationsort T4 (bpb.de)
https://www.bpb.de/themen/holocaust/erinnerungsorte/503099/gedenk-und-informationsort-fuer-die-opfer-der-nationalsozialistischen-euthanasie-morde/ - Komoot – Historischer Spaziergang Wuhlgarten
https://www.komoot.com/de-de/highlight/371244
Foto(s): © Marzahn-Hellersdorf.com | facebook | Instagram 📲 Whatsapp-KANAL Marzahn-Hellersdorf LIVE 🗞️
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