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21. Oktober 2024

Die vergessenen 50.000 Fliesen der Kadiwéu im Hellersdorfer Plattenbau „Gelbes Viertel“ – Eine Geschichte von Kunst, Kultur und Vergessenheit

Das Gelbe Viertel in Berlin-Hellersdorf ist ein architektonisches Relikt der DDR-Zeit, das durch seine standardisierten Plattenbauten auf den ersten Blick unscheinbar wirkt. Doch wer genauer hinschaut, entdeckt an einigen Gebäuden farbenfrohe Fliesenmuster, die eine unerwartete und faszinierende Geschichte erzählen – eine Geschichte, die sich von den indigenen Völkern Brasiliens bis in die Plattenbausiedlungen Ost-Berlins erstreckt.

Diese Fliesen in der Maxie-Wander-Straße, Neue Grottkauer Straße, Peter-Edel-Straße sowie Erich-Kästner-Straße sind das Ergebnis eines einzigartigen künstlerischen Austauschs zwischen den Kadiwéu-Indígenas und der deutschen Hauptstadt in den 1990er Jahren. Heute droht dieses symbolische kulturelle Erbe zu verschwinden.

Die Fliesen über den Eingangsbereichen der Plattenbausiedlung werden abgerissen

Von Brasilien nach Berlin-Hellersdorf: Der Ursprung der Fliesen

Die Geschichte der Kadiwéu-Fliesen beginnt Mitte der 1990er Jahre, als die Wohnungsbaugesellschaft Berlin-Hellersdorf (WoGeHe) entschied, die grauen Fassaden der Plattenbauten im Gelben Viertel künstlerisch aufzuwerten. Im Zuge eines Wettbewerbs wurden verschiedene Gestaltungskonzepte eingereicht, und die Wahl fiel schließlich auf ein interkulturelles Projekt, das weit über die Grenzen Berlins hinausging. Künstlerinnen des Kadiwéu-Volkes aus dem Westen Brasiliens, das für seine kunstvollen Keramikarbeiten und farbenprächtigen Muster bekannt ist, wurden eingeladen, ihre traditionellen Designs in die Fassadengestaltung einzubringen.

Die Muster der Kadiwéu sind tief in der Kultur und Geschichte ihres Volkes verwurzelt. Seit Jahrhunderten schmücken die Kadiwéu ihre Keramiken mit geometrischen Mustern, die nicht nur ästhetische, sondern auch symbolische Bedeutung tragen. Diese Kunstform wird innerhalb der Gemeinschaft von Generation zu Generation weitergegeben und ist Ausdruck der kulturellen Identität der Kadiwéu. Es war eine bemerkenswerte Entscheidung, diese indigene Kunst in die nüchterne Welt der DDR-Plattenbauten zu integrieren.

Baugerüste vor den Treppenhäusern der Platte

Im Rahmen des Projekts reisten einige der Kadiwéu-Künstlerinnen nach Berlin-Hellersdorf, um die Umsetzung ihrer Werke vor Ort zu begleiten. Für sie war es eine besondere Gelegenheit, ihre Kunst in einem völlig neuen Kontext zu präsentieren und ihre Traditionen mit einer urbanen, europäischen Umgebung zu verbinden. Die Zusammenarbeit wurde vom Ethnologischen Museum in Berlin unterstützt, das sich auch heute noch für die Bewahrung und Vermittlung des kulturellen Erbes der Kadiwéu einsetzt.

Ein Quartier im Wandel: Die Entfernung der Fliesen

Fast 30 Jahre später sieht sich das Gelbe Viertel jedoch mit einer ernüchternden Realität konfrontiert. Viele der Fliesen, die einst die Fassaden zierten und dem Viertel ein einzigartiges Erscheinungsbild verliehen, sind mittlerweile stark beschädigt. Die STADT UND LAND Wohnbauten Gesellschaft, die heute für die Instandhaltung der Gebäude verantwortlich ist, musste feststellen, dass die Fassadenelemente nicht mehr sicher sind. Risse und Abbröckelungen gefährden nicht nur die Gebäude selbst, sondern auch die Sicherheit der Bewohner und Passanten. Deshalb wurde entschieden, die Fliesen großflächig zu entfernen, um die Verkehrssicherheit zu gewährleisten.

Für die Bewohner bedeuten die Maßnahme eine Woche Baulärm und Dreck

Für viele Bewohner des Viertels kam diese Entscheidung überraschend. Die Fliesen waren über die Jahre hinweg zu einem vertrauten Bestandteil der Umgebung geworden, ohne dass ihre besondere Herkunft oder Bedeutung noch im Bewusstsein der Menschen präsent war. Viele wissen nicht, dass diese Fliesen von indigenen Künstlerinnen aus Brasilien entworfen wurden und dass sie ein Stück interkultureller Geschichte repräsentieren. In der alltäglichen Wahrnehmung der Bewohner spielten sie nur eine untergeordnete Rolle – wenn überhaupt.

Zwischen Pragmatismus und kulturellem Erbe

Die Entscheidung zur Entfernung der Fliesen steht für einen schmalen Grat zwischen pragmatischen Erfordernissen und dem Erhalt kulturellen Erbes. Auf der einen Seite gibt es die klare Notwendigkeit, die Gebäude sicher und bewohnbar zu halten. Auf der anderen Seite steht die Frage, wie mit einem Kunstwerk umgegangen wird, das nicht nur die Fassaden ziert, sondern auch eine tiefe kulturelle und historische Verbindung widerspiegelt. Die Fliesen sind ein Symbol für den Austausch zwischen zwei Welten – zwischen den Kadiwéu und den Bewohnern des Gelben Viertels, zwischen traditioneller indigener Kunst und moderner urbaner Architektur.

STADT UND LAND hat angekündigt, dass im Rahmen der Sanierungsarbeiten ein neues Farbkonzept für die betroffenen Fassaden umgesetzt wird. Ein renommiertes Architekturbüro, das auf Denkmalpflege spezialisiert ist, wurde mit der Entwicklung des Konzepts beauftragt. Dabei soll die ursprüngliche farbliche Gestaltung der Kadiwéu-Muster berücksichtigt werden, um zumindest den visuellen Charakter der Gebäude zu bewahren. Allerdings ist es unwahrscheinlich, dass die neue Gestaltung die Tiefe und Bedeutung der ursprünglichen Fliesen vollständig einfangen kann.

Das Erbe der Kadiwéu: Vom Hellersdorfer Viertel in die Vergessenheit?

Die Kadiwéu und ihre Kunst sind für viele Bewohner des Gelben Viertels heute weitgehend in Vergessenheit geraten – wenn sie jemals überhaupt wirklich wahrgenommen wurden. Der Austausch, der in den 1990er Jahren mit so viel Enthusiasmus begonnen hatte, scheint über die Jahre hinweg abgeflaut zu sein. Bei einem erneuten Besuch in Berlin vor einigen Jahren fuhren einige Kadiwéu-Frauen ins Gelbe Viertel, um die Fliesen zu sehen, die sie einst gestaltet hatten. Sie besuchten auch eine nahegelegene Schule, wo sie mit den Schülern über ihre Kultur und Kunst sprachen. Die Kinder zeigten großes Interesse und stellten viele Fragen. Doch obwohl es zunächst so aussah, als könnte das Thema in den Unterricht integriert werden, verlief sich die Initiative im Sande. Die Schulleitung verwies darauf, dass die Entscheidung, sich mit solchen Themen zu beschäftigen, bei den einzelnen Lehrern liege. So blieb der interkulturelle Austausch auf der Strecke. Die Bewohner im Gelben Viertel stehen heutzutage vor besonderen Herausforderungen – die Prioritäten für solche kulturelle Projekte rücken dabei in den Hintergrund.

Trotz dieser Rückschläge gibt es weiterhin Menschen, die sich für das Erbe der Kadiwéu und die interkulturelle Geschichte des Gelben Viertels einsetzen. Einige engagierte Individuen und Organisationen bemühen sich, die Verbindung zu den Kadiwéu aufrechtzuerhalten und einen dauerhaften kulturellen Austausch zu etablieren. Sie sehen in der Geschichte der Fliesen nicht nur ein künstlerisches, sondern auch ein soziales und pädagogisches Potenzial, das genutzt werden könnte, um das Verständnis und die Wertschätzung für unterschiedliche Kulturen zu fördern.

Eine Herausforderung für die Zukunft

Die Geschichte der 50.000 Fliesen der Kadiwéu im Gelben Viertel ist ein Beispiel dafür, wie schnell kulturelles Erbe im Alltag vergessen werden kann. Die Fliesen, die einst ein Symbol für den interkulturellen Dialog und die künstlerische Zusammenarbeit waren, drohen nun, aus dem Stadtbild zu verschwinden. Die geplante Neugestaltung der Fassaden bietet zwar eine Chance, das visuelle Erbe der Kadiwéu-Muster zu bewahren, doch die tiefere Bedeutung dieser Kunstwerke ist vielen Bewohnern bereits entglitten.

Die Herausforderung für die Zukunft besteht darin, Wege zu finden, wie solches kulturelles Erbe nicht nur physisch erhalten, sondern auch im Bewusstsein der Menschen lebendig gehalten werden kann. Dies erfordert Engagement von verschiedenen Seiten: von den Bewohnern des Gelben Viertels, den lokalen Schulen, den Kulturinstitutionen und nicht zuletzt von dem Bezirksamt Marzahn-Hellersdorf. Nur so kann der interkulturelle Austausch, den die Kadiwéu-Fliesen einst symbolisierten, wiederbelebt und langfristig gesichert werden.

Das Gelbe Viertel mag ein typisches Beispiel für DDR-Plattenbau sein, doch es ist auch ein Ort, an dem sich Geschichte, Kunst und Kultur auf unerwartete Weise treffen – wenn wir bereit sind, hinzuschauen und zu verstehen.

Fotos: © Marzahn-Hellersdorf.com

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