12. Januar 2026

Nachverdichtung in Marzahn-Hellersdorf: Wachstum ohne Überblick – Senat liefert Antworten mit vielen Leerstellen

Der Berliner Bezirk Marzahn-Hellersdorf steht seit Jahren im Fokus der Stadtentwicklung. Neue Wohnhäuser entstehen, Baulücken werden geschlossen, Grünflächen rücken zunehmend in den planerischen Blick.

Mit dem rasanten Wachstum wächst jedoch auch die Sorge vieler Anwohnerinnen und Anwohner: Reicht die soziale Infrastruktur aus – und werden die Menschen ausreichend beteiligt?

Eine Schriftliche Anfrage im Abgeordnetenhaus zeigt nun ein differenziertes, aber auch ernüchterndes Bild. Zwar liegen grobe Zahlen zum Wohnungsneubau vor, doch an vielen entscheidenden Stellen fehlen detaillierte Daten, transparente Planungsgrundlagen und konkrete Zukunftsperspektiven.


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Wohnungsbau: Viel gebaut, wenig aufgeschlüsselt

Zwischen 2021 und 2024 wurden in Marzahn-Hellersdorf insgesamt 7.585 neue Wohnungen fertiggestellt. Die meisten davon in den Ortsteilen Hellersdorf (2.929) und Marzahn (2.603). Auch Biesdorf (985), Mahlsdorf (560) und Kaulsdorf (508) verzeichneten deutliche Zuwächse. Für das Jahr 2025 liegen bislang keine belastbaren Zahlen vor.

Was jedoch fehlt: Eine differenzierte Auswertung. Weder der Senat noch das Bezirksamt können derzeit sagen, wie viele Bauanträge seit 2021 genehmigt wurden, wie viele Bauvorhaben aktuell im Verfahren stecken oder wie sich Wohn- und Gewerbenutzung im Detail verteilen. Entsprechende statistische Erhebungen würden schlicht nicht geführt.

Gerade diese fehlende Datengrundlage nährt Kritik: Ohne klare Zahlen sei es kaum möglich, die Folgen der Nachverdichtung für Verkehr, Schulen, medizinische Versorgung oder Grünflächen in Marzahn-Hellersdorf realistisch einzuschätzen.

Bürgerbeteiligung: Gesetzlich geregelt, gesellschaftlich umstritten

Der Vorwurf mangelnder Bürgerbeteiligung weist der Senat formal zurück. Bei Bebauungsplanverfahren sei die frühzeitige Öffentlichkeitsbeteiligung nach § 3 BauGB verpflichtend und auch umgesetzt worden – etwa durch Veröffentlichungen auf dem Beteiligungsportal mein.berlin.de und durch öffentliche Informationsveranstaltungen.

Als Beispiele nennt der Bezirk unter anderem Verfahren am Helene-Weigel-Platz sowie zum Tal-Center. Zusätzlich begleiten Beiräte einige Projekte beratend. Bei bereits genehmigten Bauvorhaben liege die Beteiligung häufig bei den jeweiligen Vorhabenträgern, orientiert an Leitlinien für Partizipation im Wohnungsbau.

Viele Anwohner empfinden diese Formen der Beteiligung jedoch als zu spät oder zu wenig wirksam – insbesondere dann, wenn Planungen bereits weit fortgeschritten sind.

Ärztliche Versorgung: Entlastung geplant, Mangel bleibt spürbar

Besonders sensibel ist das Thema medizinische Versorgung. Das Bezirksamt räumt ein, dass die Situation angespannt ist. Um gegenzusteuern, setzt man auf einen intensiven Austausch mit der Kassenärztlichen Vereinigung Berlin.

Neue KV-Praxen, eine geplante weitere Einrichtung sowie eine Praxisraumbörse sollen helfen, Haus- und Fachärztinnen und -ärzte in den Bezirk zu holen. Ergänzt wird dies durch regelmäßige Gesprächsrunden mit Medizinerinnen und Medizinern. Dennoch bleibt offen, ob diese Maßnahmen ausreichen, um den wachsenden Bedarf langfristig zu decken.

Schulen, Kitas und Bildung: Zuständigkeit beim Land

Bei Schulen und Lehrkräften verweist der Senat auf die Zuständigkeit der Senatsverwaltung für Bildung. Ziel sei weiterhin eine vollständige Lehrkräfteausstattung. Neben klassischen Einstellungen spielen Quer- und Seiteneinstiege sowie Kooperationen mit Hochschulen eine Rolle.

Angesichts steigender Schülerzahlen bleibt jedoch auch hier die Frage offen, ob die Maßnahmen mit dem Tempo der Nachverdichtung Schritt halten können.

Kultur, Jugend und Senioren: Ausbau nur begrenzt

Im Bereich Kultur sieht der Bezirk derzeit keinen Ausbaubedarf – auch aus finanziellen Gründen. Musikschulen, Bibliotheken, Volkshochschule und andere Angebote nördlich der B1/B5 seien ausreichend.

Für Jugendliche und Familien sind hingegen neue Strukturen geplant: Vier Familienzentren sollen künftig entstehen. Gleichzeitig wird eingeräumt, dass der Bedarf häufig größer ist als die verfügbaren Mittel.

Sport, Sauberkeit und Grün: Vieles noch in Planung

Beim Thema vereinsfreier Sport bleibt der Bezirk vage. Ein Sportentwicklungsplan befindet sich noch in Arbeit, konkrete Maßnahmen gibt es bislang nicht.

Deutlich konkreter sind die Schritte gegen Vermüllung: Eine bezirkliche SOKO „Müll“, engere Abstimmungen mit der BSR und häufigere Kontrollen sollen illegale Müllablagerungen eindämmen.


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Größere Verluste von Grünflächen seien laut Bezirksamt nicht bekannt. Stattdessen sollen bestehende Anlagen saniert, aufgewertet und an den Klimawandel angepasst werden – etwa durch zusätzliche Begrünung und bessere Wasserbewirtschaftung.

Katastrophenschutz und Klimaanpassung

Auch der Zivil- und Katastrophenschutz soll mit dem Wachstum Schritt halten. Der Bezirk verweist auf bestehende Katastrophenschutzstäbe, sogenannte Katastrophenschutzleuchttürme sowie regelmäßige Informationsveranstaltungen für die Bevölkerung.

Im Bereich Hitzeschutz und Klimaanpassung kommen landesweite Programme wie das BäumePlus-Gesetz und Förderinstrumente zur nachhaltigen Stadtentwicklung zum Einsatz.

Die Antworten des Senats zeichnen ein klares Bild: Marzahn-Hellersdorf wächst – schnell und sichtbar. Doch während der Wohnungsbau voranschreitet, bleiben Planung, Datentransparenz und konkrete Infrastrukturmaßnahmen vielfach hinter den Erwartungen zurück.

Für viele Menschen im Bezirk bleibt damit ein Gefühl der Unsicherheit: Wird die Lebensqualität mitwachsen – oder droht ein strukturelles Hinterherlaufen? Die kommenden Jahre dürften entscheidend sein, ob aus der Nachverdichtung ein ausgewogenes Stadtentwicklungskonzept wird oder ein Dauerstreit zwischen Bedarf, Planung und Beteiligung.

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