Es war ein Freitagabend, der so in Hellersdorf noch nicht erlebt wurde. Eine ganz normale HEM-Tankstelle in der Riesaer Straße verwandelte sich in einen der ungewöhnlichsten Konzertbühne Berlins – offen, kostenlos, unter freiem Himmel. Der Rapper Finch feierte hier das Release seines neuen Albums „AUSSENSEiTER-SPiTZENREiTER“. Was folgte, war ein Abend, der Hellersdorf so schnell nicht vergessen wird.
Schon mittags der erste Andrang
Die Sonne brannte bereits unbarmherzig auf den Asphalt der Riesaer Straße, als sich die ersten Silhouetten vor dem Tankstellengelände abzeichneten.
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Es war kurz nach 12 Uhr mittags – sechs Stunden, bevor der erste Beat ertönen sollte. Wer zu diesem Zeitpunkt vorbeifuhr, rieb sich vermutlich die Augen: Vereinzelte Fans campierten vor der Tankstelle, aber kein einziges Auto in Sicht.
Manche hatten Campingstühle dabei, andere hatten sich mit Sonnenschirmen behelfsmäßig Schatten gebaut. „Ich bin extra aus Leipzig angereist“, erzählte ein junger Mann Anfang zwanzig, der mit einer Gruppe Freunde vor dem noch geschlossenen Gelände wartete. „Für ein kostenloses Finch-Konzert fährt man halt auch mal vier Stunden.“ Mit T-Shirts, Sonnencreme und Getränken ausgerüstet, bereiteten sich die Fans auf einen langen, heißen Abend vor – einer dieser Abende, die man später noch seinen Enkeln erzählt.
© Marzahn-Hellersdorf LIVE
Dass die Veranstaltung überhaupt so viele Menschen mobilisieren würde, zeichnete sich bereits in den Tagen zuvor ab. Finch hatte das Konzert über seine Kanäle angekündigt, in den sozialen Medien verbreitete sich die Nachricht rasend schnell. Die Verkehrsinformationszentrale Berlin reagierte frühzeitig und wies auf mögliche Sperrungen im Bereich der Riesaer Straße hin und solllte Recht behalten – ein deutliches Zeichen dafür, dass die Behörden mit einem erheblichen Andrang rechneten. Dass es so viele werden würden, hatte wohl trotzdem kaum jemand erwartet.

Eine Tankstelle im Ausnahmezustand
Um 18 Uhr öffnete das Gelände offiziell. Doch längst hatte die Riesaer Straße ihren gewohnten Charakter verloren. Der Tankstellenbetrieb war für diesen Abend vollständig eingestellt. Wo sonst Autos an den Zapfsäulen stehen, Pendler ihren Tank füllen und Lieferwagen kurz halten, um Kaffee und Brötchen zu holen, drängten sich nun Hunderte Menschen. Die Zapfsäulen standen stumm da – unfreiwillige Requisiten eines Abends, der sich niemand hätte ausdenken können.
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DJ Kevin übernahm als erster Act die Bühne und heizte die Stimmung an. Das Publikum war bunt gemischt – Jugendliche, junge Erwachsene, aber auch ältere Fans, die mit Finch offenbar mehr verbindet als nur seine Musik. „Er ist irgendwie einer von uns“, sagte eine junge Frau aus Marzahn, die mit ihrer Freundin gekommen war.
Und dann war da noch eine Besonderheit, die den Abend vollends in eine andere Zeit zu versetzen schien: Vereinzelt rollten Simson-Fahrer auf das Gelände – jener ostdeutsche Kleinmotorradklassiker, dessen charakteristisches Zweitaktgeräusch für eine ganze Generation Kindheitserinnerungen weckt. Der Anblick der kultverdächtigen Zweiräder neben orangefarbenen Feuerwehrfahrzeugen und tanzenden Massen sorgte für eine eigentümlich nostalgische Atmosphäre, die an diesem Abend kein Zufall war. Hellersdorf hatte sich selbst ein Denkmal gebaut – und wusste es wahrscheinlich noch nicht einmal.
Wer ist Finch?
Finch lebt seit 2013 in Berlin und ist bekennender Fan vom 1. FC Union Berlin – entsprechend tauchten unter den Fans auch Fahnen des Fußballklubs aus Köpenick auf. Einer ließ sich auf Schultern tragen und schwenkte die rot-weiße Union-Flagge unter dem Tankstellendach in den Abendhimmel, während die Menge jubelte. Ein Bild, das man sonst eher vom Stadion an der Alten Försterei kennt – nicht von einer Hellersdorfer Zapfsäule.

Künstlerisch ist Finch schwer einzuordnen – und das ist wohl Absicht. Seine Texte sind bewusst einfach gehalten, oft vulgär, mitunter provokant. Ostalgie und eine positiv besetzte Auseinandersetzung mit Ostdeutschland prägen sein Werk, wie eine Passage in Wikipedia den Künstler beschreibt. Laut eigenem Bekunden orientiert er sich ästhetisch an der DDR der 1980er Jahre, greift dabei aber auch Elemente des deutschen Porno-Raps der frühen 2000er auf. Was er damit erzeugt, ist ein eigentümlicher Gegenentwurf zum glattgebügelten Mainstream-Rap – rau, direkt, unverblümt. Kein Schnickschnack, keine Inszenierung, keine Distanz zum Publikum. Sein junges Publikum feiert genau das.
Mehrere Fans trugen an diesem Abend ein schwarz-weißes Trikot mit der Aufschrift „Finch Asozial – 10 Jahre“ – eine Reminiszenz an seinen früheren Künstlernamen, unter dem er seine Karriere begann. Zehn Jahre, die ihn von einem Brandenburger Nachwuchsrapper zu einem Künstler gemacht haben, der eine Tankstelle in Hellersdorf in einen Wallfahrtsort verwandeln kann.

45 Minuten, die reichen
Um 19:10 Uhr starteten die Support-Acts Marlo.mp4 und ViruzZ ihr Programm. Zwanzig Minuten, die die ohnehin aufgeheizte Menge noch weiter in Fahrt brachten. Die Spannung stieg mit jeder Minute. Handys wurden gezückt, Schultern wurden bestiegen, jeder wollte eine freie Sicht auf das haben, was gleich kommen würde.
Dann, um 19:45 Uhr, war es soweit.
Finch betrat die Bühne.
Der Jubel, der in diesem Moment durch die Riesaer Straße hallte, dürfte noch in den oberen Stockwerken der umliegenden Wohnhäuser zu spüren gewesen sein.
Was folgte, war komprimiert und laut: rund 45 Minuten Konzert, Song um Song, Ansprachen an die zahlreichen Fans, Merch für die Masse, ohne Pause. Das Publikum kannte jeden Text, jede Zeile, jeden Refrain. Hände formten Herzzeichen in den Abendhimmel, Fans sangen mit, die Riesaer Straße bebte. Bei Außentemperaturen von rund 34 Grad war die Stimmung trotzdem – oder gerade deshalb – auf dem Siedepunkt.

„Das war das Beste, was ich je auf einem Gratis-Konzert erlebt habe“, rief ein Fan nach dem Set, noch ganz außer Atem. „Keine Eintrittskarten, kein VIP-Bereich, kein Bullshit. Einfach Musik.“
Finch hatte versprochen: kostenlose Getränke, kostenloses Merch. Beides wurde eingelöst, auch wenn nicht alle Teilnehmer die begehrten Fanartikel bekommen konnten. Bei der Hitze des Abends war das Getränkeangebot nicht Kür, sondern Notwendigkeit. Ab 20:30 Uhr übernahm DJ Kevin erneut und begleitete das langsame Ausklingen des Abends bis 21:30 Uhr – das sogenannte Abkühlen, wie es im Timetable stand. Wirklich abgekühlt hatte sich kaum jemand.
Polizei, Feuerwehr und 4.500 Menschen
Während auf der Bühne gefeiert wurde, arbeiteten im Hintergrund Dutzende Einsatzkräfte. Die Berliner Feuerwehr war mit mehreren Rettungswagen vor Ort und versorgte Patienten – angesichts der Temperaturen und der dichten Menschenmasse keine Überraschung, aber ein stiller Hinweis darauf, wie ernst die Lage in solchen Momenten werden kann.

Die Fahrbahn in Richtung Louis-Lewin-Straße wurde von der Polizei für den Zeitraum des Konzerts gesperrt, zeitweilig liefen Fans auch über die Fahrbahn in Richtung Hönower Straße. Der Straßenbahn- und Busverkehr in der Riesaer Straße musste zeitweise eingestellt und umgeleitet werden. Im umliegenden Straßennetz kam es zu Stau und stockendem Verkehr. Hellersdorf stand für Stunden buchstäblich still.
Die Einsatzleiterin der Berliner Polizei bezifferte die Teilnehmerzahl am Abend auf bis zu 4.500 Menschen. Eine Zahl, die selbst erfahrene Einsatzkräfte überrascht haben dürfte.
Doch was die Einsatzleiterin am Ende des Abends ebenso deutlich betonte: Es gab keine besonderen Vorkommnisse. Kein Tumult, keine Ausschreitungen, keine nennenswerten Zwischenfälle. Ein Massenevent auf einer Tankstelle – und es lief friedlich. „Die Stimmung war die ganze Zeit gut“, hieß es aus der Einsatzleitung. „Die Leute haben gefeiert, nicht gekämpft.“
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Pfandsammler, Glasflaschen und der Charme des Unperfekten
Dass niemand wirklich mit einer solchen Menschenmenge gerechnet hatte, zeigte sich gegen Abend auf dem Boden rund um die Tankstelle. Leere Glasflaschen lagen überall verstreut, dazwischen zerknüllte Verpackungen und die Reste einer improvisierten Partyversorgung. Es war das ehrliche Bild eines ungeplanten Großevents – nicht durchorganisiert bis ins letzte Detail, sondern gewachsen aus einem Moment heraus, der größer wurde als alle Erwartungen.
Pfandsammler zogen durch die Menge und sammelten ein, was andere liegen ließen – ein vertrautes Bild bei Berliner Großevents, und an diesem Abend irgendwie passend zum Gesamtbild. Auch das gehört zu Hellersdorf – und so blieb es nicht aus, dass eine prall gefüllte Tüte voller Pfandflaschen dem Gewicht nicht standhielt und mit lautem Klirren auf dem Asphalt der Riesaer Straße landete.
Parkplätze gab es keine, wie bereits auf dem Veranstaltungsplakat ausdrücklich vermerkt. Der überwiegende Teil der Fans war mit öffentlichen Verkehrsmitteln angereist – Tram, U-Bahn, S-Bahn. Hellersdorf hatte Besuch aus ganz Berlin und weit darüber hinaus bekommen. Aus Leipzig, aus Brandenburg, aus Stadtteilen, die mit Hellersdorf sonst kaum etwas verbindet. An diesem Abend schon.
Ein Abend, den Hellersdorf so schnell nicht vergisst
Was bleibt von diesem Freitagabend? Ein Rapper, der sein Album nicht in einer Konzerthalle oder auf einem großen Festival feiert, sondern auf einer Tankstelle in Hellersdorf. Kostenlos. Für alle. Mit Simson-Fahrern, Union-Fahnen, Pfandsammlern und 4.500 Menschen, die gemeinsam in der Sommerhitze standen und für einen Moment vergaßen, dass sie eigentlich nur auf einer Tankstelle standen.
Es war laut, es war heiß, es war unperfekt. Und genau deshalb war es unvergesslich.
Wann hat es das zuletzt gegeben? Vielleicht noch nie. Zumindest nicht in der Riesaer Straße.
Und jetzt seid ihr dran: Wart ihr dabei – an der Tankstelle in der Riesaer Straße, in der Tram auf dem Weg dorthin, oder habt ihr den Lärm vom Balkon aus gehört? Schreibt uns in den Kommentaren, wie ihr den Abend erlebt habt!
Foto(s): © Marzahn-Hellersdorf.com | facebook | Instagram 📲 Whatsapp-KANAL Marzahn-Hellersdorf LIVE 🗞️



Viele die von der Arbeit nach Hause wollten, war ab Risaer Str. oder in der anderen Richtung ab Betriebshof Marzahn, Schluß mit lustig. Da fuhr nichts mehr. Die mussten sehen, wie sie bei der Hitze nach Hause kommen.
Ob die diese Veranstaltung lustig fanden, ist vielleicht zu bezweifeln.