Die Senatsverwaltung für Stadtentwicklung, Bauen und Wohnen hat das Monitoring Soziale Stadtentwicklung (MSS) 2025 veröffentlicht.
Das seit 1998 regelmäßig erstellte Instrument analysiert kleinräumig die soziale Lage in den Berliner Planungsräumen und deren Entwicklung über zwei Jahre. Der aktuelle Bericht basiert auf Daten vom 31. Dezember 2022 bis zum 31. Dezember 2024 und umfasst 535 der insgesamt 542 Berliner Planungsräume. Für den Bezirk Marzahn-Hellersdorf liefert das Monitoring detaillierte Erkenntnisse: Teile von Marzahn und Hellersdorf zählen weiterhin zu den sozial am stärksten belasteten Gebieten Berlins – mit einer Ausnahme, die Hoffnung macht. Die östlichen Ortsteile Biesdorf, Mahlsdorf und Kaulsdorf hingegen bleiben unauffällig.
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Was das Monitoring misst – und wie es funktioniert
Das MSS berechnet für jeden Planungsraum einen Status-Index, der die aktuelle soziale Lage beschreibt, sowie einen Dynamik-Index, der die Veränderung über den Beobachtungszeitraum von zwei Jahren abbildet. Grundlage sind vier sogenannte Index-Indikatoren, die jeweils als Anteil an der Wohnbevölkerung berechnet werden:
Der erste Indikator ist die Arbeitslosigkeit nach SGB II, also der Anteil der arbeitslosen Bürgergeld-Beziehenden an der Bevölkerung im erwerbsfähigen Alter zwischen 15 Jahren und der Regelaltersgrenze. Dieser Indikator gilt als zentrales Maß für die Konzentration von Einkommensarmut in einem Quartier. Er unterscheidet sich bewusst von der offiziellen Arbeitslosenquote, da kleinräumige Daten zu Erwerbspersonen nicht verfügbar sind.
Arbeitslosigkeit Berlin 2024
Der zweite Indikator erfasst Kinder und Jugendliche in alleinerziehenden Haushalten – konkret den Anteil der unter 18-Jährigen, die bei einem alleinerziehenden Elternteil aufwachsen. Alleinerziehende Haushalte weisen laut Bericht die höchste Armutsrisikoquote aller Haushaltsformen auf und stehen vor besonderen Herausforderungen bei der Vereinbarkeit von Kinderbetreuung, Beruf und Alltagsorganisation. Dieser Indikator wurde erst im MSS 2023 neu eingeführt und hat seitdem maßgeblich dazu beigetragen, soziale Problemlagen insbesondere im ehemaligen Ostteil der Stadt sichtbar zu machen – auch in Marzahn-Hellersdorf.
Der dritte Indikator misst den Transferbezug der Nicht-Arbeitslosen: den Anteil der Einwohnerinnen und Einwohner, die staatliche Existenzsicherungsleistungen nach SGB II oder SGB XII erhalten, ohne arbeitslos zu sein. Dazu zählen Kinder unter 15 Jahren in Bedarfsgemeinschaften, Rentnerinnen und Rentner mit unzureichender Rente, Menschen mit Behinderung sowie Erwerbstätige, die trotz Arbeit ihren Lebensunterhalt nicht vollständig bestreiten können und deshalb „aufstocken“ müssen.
Der vierte Indikator ist die Kinderarmut – gemessen als Anteil der Kinder und Jugendlichen unter 15 Jahren, die in einer Bedarfsgemeinschaft nach SGB II leben. Er gilt als besonders aussagekräftig, weil Armut in der Kindheit langfristige Folgen für Bildung, Gesundheit und gesellschaftliche Teilhabe hat.
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Aus der Überlagerung von Status-Index (vier Klassen: hoch, mittel, niedrig, sehr niedrig) und Dynamik-Index (drei Klassen: positiv, stabil, negativ) ergibt sich der Gesamtindex Soziale Ungleichheit in zwölf möglichen Ausprägungen. Als „Gebiete mit besonderem Aufmerksamkeitsbedarf“ (GmbA) gelten Planungsräume mit sehr niedrigem Status – unabhängig von der Dynamik – oder mit niedrigem Status bei gleichzeitig negativer Dynamik. Berlinweit erfüllen 57 von 535 Planungsräumen diese Kriterien, das entspricht rund elf Prozent und damit etwa einem Prozent mehr als beim letzten Monitoring 2023. In diesen Gebieten lebten 2024 insgesamt etwa 441.000 Menschen, gegenüber 380.000 im MSS 2023.
Alleinerziehende Berlin 2024
Berliner Gesamtbild: Arbeitslosigkeit steigt, andere Indikatoren verbessern sich
Vor den bezirksspezifischen Befunden lohnt ein Blick auf die berlinweiten Trends, die auch den Kontext für Marzahn-Hellersdorf bilden.
Die Arbeitslosigkeit nach SGB II ist der einzige Indikator, der im Beobachtungszeitraum berlinweit gestiegen ist: von 4,6 Prozent im Jahr 2022 auf 5,1 Prozent im Jahr 2024. Dieser Anstieg betrifft alle Bezirke ohne Ausnahme – in jedem Bezirk übersteigt die Zahl der Planungsräume mit wachsender Arbeitslosigkeit die der Planungsräume mit sinkender Arbeitslosigkeit. Als Ursachen nennt der Bericht die anhaltend schwache Konjunktur in Deutschland sowie das Fluchtgeschehen der Vorjahre, insbesondere den Zuzug von Geflüchteten aus der Ukraine, die seit dem 1. Juni 2022 Leistungen nach SGB II statt nach dem Asylbewerberleistungsgesetz erhalten. Diese Verschiebung wirkt sich statistisch auf die SGB-II-Quoten aus, ohne dass sich die tatsächliche Armutsbetroffenheit zwangsläufig verändert hat.
Die übrigen drei Indikatoren haben sich dagegen berlinweit verbessert. Der Anteil der Kinder in alleinerziehenden Haushalten sank von 26,9 Prozent auf 24,5 Prozent, liegt damit aber weiterhin deutlich über dem Bundesschnitt. Der Transferbezug der Nicht-Arbeitslosen ging von 11,3 auf 10,7 Prozent zurück. Die Kinderarmut sank von 24,5 auf 23,3 Prozent – auch hier setzt sich ein rückläufiger Trend fort, der Anteil bleibt jedoch auf einem vergleichsweise hohen Niveau.
Ein zentrales Langzeitergebnis des MSS 2025 ist die zunehmende Peripherisierung sozialer Benachteiligung: Die soziale Problemdichte verlagert sich aus der Innenstadt in die Äußere Stadt. Erstmals seit Beginn des Monitorings weist die Innere Stadt einen negativen Statusmittelwert auf – was bedeutet, dass die soziale Benachteiligung dort nun erstmals unterdurchschnittlich ausgeprägt ist. In der Äußeren Stadt hingegen zeigt sich erstmals ein positiver Mittelwert, der auf eine überdurchschnittliche Belastung hinweist. Diese Entwicklung hat direkte Relevanz für Marzahn-Hellersdorf.
Transferbezug Berlin 2024
Marzahn-Hellersdorf im Detail: Neun GmbA bestätigt, eines neu hinzugekommen
Im Bezirk Marzahn-Hellersdorf werden im MSS 2025 insgesamt zehn Planungsräume als Gebiete mit besonderem Aufmerksamkeitsbedarf geführt. Neun davon waren bereits im MSS 2023 als solche klassifiziert und werden nun bestätigt. Ein Planungsraum wird neu aufgenommen, einer scheidet aus der Liste aus.
Die neun bestätigten GmbA sind:
Marzahn West (Planungsraum 10100101) erhält den Gesamtindex 4+ – also sehr niedrigen sozialen Status bei positiver Dynamik. Das bedeutet: Die Lebenssituation in diesem Planungsraum bleibt weiterhin stark belastet, entwickelt sich aber im berlinweiten Vergleich überdurchschnittlich positiv. Ein vorsichtiges Zeichen der Stabilisierung.
Golliner Straße (10100104) wird mit 4+/− bewertet: sehr niedriger Status, stabile Dynamik. Keine Verbesserung, aber auch keine weitere Verschlechterung gegenüber dem gesamtstädtischen Trend.
Zossener Straße (10200417) ebenfalls 4+/−: sehr niedriger Status, stabile Dynamik.
Gut Hellersdorf (10200420) mit 4+/−: sehr niedriger Status, stabile Dynamik. Dieser Planungsraum liegt im Kern des Hellersdorfer Plattenbaugebiets und gehört zu den dauerhaft belastetsten Quartieren des Bezirks.
Hellersdorfer Promenade (10200422) mit 4+: sehr niedriger Status, aber positive Dynamik – ähnlich wie Marzahn West ein vorsichtiges Stabilisierungssignal.
Böhlener Straße (10200423) mit 4+/−: sehr niedriger Status, stabile Dynamik.
Schleipfuhl (10200525) mit 4+/−: sehr niedriger Status, stabile Dynamik. Dieser Planungsraum befindet sich im mittleren Bereich von Hellersdorf.
Boulevard Kastanienallee (10200526) mit 4+/−: sehr niedriger Status, stabile Dynamik. Die namensgebende Kastanienallee ist eine der Hauptachsen Hellersdorfs.
Neue Grottkauer Straße (10200628) mit 4+/−: sehr niedriger Status, stabile Dynamik.
Kinderarmut Berlin 2024
All diese Planungsräume liegen im dicht besiedelten Geschosswohnungsbau der Großsiedlungen und gehören zum langjährigen Kern der sozialen Problemgebiete des Bezirks. Sie erfahren bereits durch verschiedene Förderprogramme besondere Aufmerksamkeit, darunter das Programm Sozialer Zusammenhalt mit seinen Quartiersmanagement-Strukturen sowie die Ressortübergreifende Gemeinschaftsinitiative zur Stärkung sozial benachteiligter Quartiere.
Neu im Fokus: Wittenberger Straße
Erstmals als Gebiet mit besonderem Aufmerksamkeitsbedarf neu in die Liste aufgenommen wird der Planungsraum Wittenberger Straße (10100103) in Marzahn. Er erhält den Gesamtindex 3− – niedriger sozialer Status mit negativer Dynamik. Das bedeutet: Die Sozialindikatoren haben sich im Vergleich zum berlinweiten Durchschnitt überdurchschnittlich negativ entwickelt.
Der Bericht macht deutlich, dass bei der Einordnung dieser neuen GmbA maßgeblich ein Anstieg des Anteils der Arbeitslosen nach SGB II eine Rolle spielt. Der Planungsraum Wittenberger Straße liegt im nördlichen Bereich von Marzahn, einem Gebiet mit ebenfalls stark geprägtem Plattenbaucharakter. Die negative Dynamik signalisiert, dass sich die Lage dort zuletzt verschlechtert hat – was politischen Handlungsbedarf auslösen kann, zum Beispiel in Form einer Aufnahme in Förderprogramme.
Positives Signal: Rosenbecker Straße verlässt die Problemliste
Dem gegenüber steht eine erfreuliche Nachricht: Der Planungsraum Rosenbecker Straße (10100102), ebenfalls in Marzahn gelegen, wird im MSS 2025 nicht mehr als Gebiet mit besonderem Aufmerksamkeitsbedarf geführt. Er wird jetzt mit dem Gesamtindex 3+ bewertet – niedriger sozialer Status, aber positive Dynamik. Der Bericht erklärt diesen Wechsel mit Verbesserungen bei mindestens zwei der vier Dynamikindikatoren. Konkret haben sich also mindestens zwei der Bereiche Arbeitslosigkeit, Kinder in alleinerziehenden Haushalten, Transferbezug oder Kinderarmut gegenüber dem gesamtstädtischen Trend überdurchschnittlich positiv entwickelt. Ob diese Verbesserung dauerhaft ist, werden die nächsten Monitoringzyklen zeigen – das MSS wird alle zwei Jahre fortgeschrieben.
Status Index Berlin 2025
Östliche Äußere Stadt: Marzahn-Hellersdorf mit positiver Grundtendenz
Ein wichtiger übergeordneter Befund des MSS 2025 betrifft die räumliche Verteilung von Verbesserungen und Verschlechterungen innerhalb der Äußeren Stadt. Der Bericht unterscheidet dabei ausdrücklich zwischen der westlichen und der östlichen Äußeren Stadt.
In der westlichen Äußeren Stadt – also Bezirken wie Spandau mit dem Falkenhagener Feld oder Reinickendorf – häufen sich die Statusverschlechterungen. Fast die Hälfte aller berlinweiten Statusverschlechterungen im Beobachtungszeitraum fand dort statt. Viele der zwölf neu als GmbA ausgewiesenen Planungsräume liegen im westlichen Teil der Stadt.
In der östlichen Äußeren Stadt hingegen, zu der Marzahn-Hellersdorf zählt, überwiegen die Statusverbesserungen. Der Bericht nennt Marzahn und Köpenick explizit als Beispiele für diese positive Tendenz. Das bedeutet nicht, dass die absoluten Werte gut sind – die bestätigten GmbA in Marzahn und Hellersdorf zeugen vom Gegenteil. Aber die Richtung der Entwicklung ist in Marzahn-Hellersdorf im gesamtstädtischen Vergleich günstiger als in anderen Teilen der Äußeren Stadt.
Biesdorf, Mahlsdorf, Kaulsdorf: Stabil und unauffällig
Für die östlichen Ortsteile des Bezirks – Biesdorf, Mahlsdorf und Kaulsdorf – enthält das MSS 2025 keine Hinweise auf soziale Problemlagen. Diese Planungsräume erscheinen weder in der Liste der bestätigten noch in der Liste der neu aufgenommenen GmbA. Auch eine negative Dynamik wird für diese Gebiete nicht ausgewiesen.
Das ist kein Zufall: Die drei Ortsteile sind geprägt durch einen hohen Anteil an Ein- und Zweifamilienhäusern, eine stabilere Beschäftigungssituation der Bewohnerinnen und Bewohner sowie niedrigere Anteile bei allen vier Index-Indikatoren. Der Bericht hält fest, dass Gebiete mit besonders geringer sozialer Benachteiligung sich bevorzugt in solchen Siedlungsgebieten der Äußeren Stadt befinden – eine Beschreibung, die auf Biesdorf, Mahlsdorf und Kaulsdorf zutrifft.
Allerdings enthält der Bericht auch einen Hinweis, der für alle Teile der Äußeren Stadt gilt: Der Anteil von Gebieten mit sozialer Benachteiligung ist in der Äußeren Stadt insgesamt höher als in der Inneren Stadt. Und die Peripherisierungstendenz – also die Verlagerung sozialer Problemlagen in Richtung Stadtrand – hält an. Biesdorf, Mahlsdorf und Kaulsdorf sind bisher von dieser Dynamik nicht direkt betroffen, sollten aber im Blick behalten werden.
Status Dynamik Index Berlin 2025
Was folgt aus dem Monitoring für den Bezirk
Die Ergebnisse des MSS entfalten konkrete politische und finanzielle Wirkungen. Der Status-Index fließt als Grundlage in den Wertausgleich zwischen den Berliner Bezirken ein: Die Senatsverwaltung für Finanzen nutzt ihn für die Budgetierung sozialer Infrastruktur, darunter Spielplätze, Kinder- und Jugendförderung, Hilfen zur Erziehung, Bibliotheken, Musikschulen, Volkshochschulen, Sportanlagen, Grünflächen und Gesundheitsförderung. Bezirke mit höherer sozialer Belastung erhalten entsprechend mehr Mittel.
Kindertageseinrichtungen in Planungsräumen mit besonderem Aufmerksamkeitsbedarf und in Quartiersmanagement-Gebieten erhalten Personalzuschläge für betreute Kinder. Das gilt für Kitas in den bestätigten und neu aufgenommenen GmbA in Marzahn und Hellersdorf.
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Die Ergebnisse fließen außerdem in die Schulplanung, in die Förderentscheidungen für den Ausbau von Kitaplätzen, in das Landesprogramm für Alleinerziehende sowie in die Beratungen der Landeskommission zur Prävention von Kinder- und Familienarmut ein. Im Rahmen des Programms zur Stärkung Berliner Großsiedlungen können an 24 Berliner Standorten sozio-integrative Projekte finanziert werden – die Großsiedlungen in Marzahn und Hellersdorf dürften zu den Zielgebieten zählen.
Für die Weiterentwicklung der Quartiersmanagement-Förderkulisse sind die aktuellen MSS-Ergebnisse ebenfalls relevant. Erstmals besteht außerdem die Möglichkeit, dass Bezirke das Instrument Quartiersmanagement nach Auslaufen des Programms Sozialer Zusammenhalt in Gebieten mit besonderem Aufmerksamkeitsbedarf aus Landesmitteln in reduzierter Form weiterführen können – eine Option, die für Marzahn-Hellersdorf angesichts der Anzahl der GmbA von erheblicher praktischer Bedeutung sein könnte.
Die aktuellen MSS-Ergebnisse werden zudem in die Anpassung der Handlungsräume der Ressortübergreifenden Gemeinschaftsinitiative einfließen, die ab 2028 geplant ist.
Das vollständige Monitoring mit Karten, Tabellen, Kurzfassung und Indikatorenblättern ist verfügbar unter: berlin.de/sen/sbw/stadtdaten/stadtwissen/monitoring-soziale-stadtentwicklung/
Foto(s): © Marzahn-Hellersdorf.com | facebook | Instagram 📲 Whatsapp-KANAL Marzahn-Hellersdorf LIVE 🗞️


